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Otto Krayer (* 22. Oktober 1899 in Köndringen, † 18. März 1982 in Tucson, Arizona /USA )

otto krayer

Und war es nicht denkbar, dass es nicht auf sie ankam, sondern auf die einzelnen Menschen, die ja und nein sagen konnten, den Arm automatisch heben oder die Zustimmung verweigern, auf Weisung den ersten Stein werfen oder das Urteil nicht anerkennen.

(Christa Wolf: Was bleibt)

Wir wissen längst: Mitläuferschaft mit den Nationalsozialisten war an den deutschen und österreichischen Universitäten nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Sie war es so sehr, dass sie keiner besonderen Erwähnung bedarf, keinerlei Verwunderung erregt. In Rückblicken auf Forscherbiographien oder in Nachrufen kommt sie nicht vor.

Warum kennt eigentlich nicht jeder Deutsche den Namen Otto Krayer? Es müsste doch möglich sein, sich diesen einen Namen zu merken. Denn Otto Krayer war nicht einer der wenigen – er war der einzige Wissenschaftler, der es ablehnte, einen Ruf auf einen Lehrstuhl anzunehmen, der durch die Entlassung seines jüdischen Inhabers frei geworden war.

Als Otto Krayer 1933 zum Nachfolger von Philipp Ellinger, der als Jude nach dem „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ verjagt worden war, auf den Lehrstuhl für Pharmakologie der Universität Düsseldorf berufen werden sollte, schrieb er an das Preußische Ministerium für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung unter anderem:

„Abgesehen von unwichtigen sachlichen Erwägungen war der Hauptgrund meines Zögerns der, dass ich die Ausschaltung der jüdischen Wissenschaftler als ein Unrecht empfinde, dessen Notwendigkeit ich nicht einsehen kann, da sie, wie mir scheint, mit außerhalb der Sphäre der Wissenschaft liegenden Gründen gestützt wird. Diese Empfindung des Unrechts ist ein ethisches Phänomen. Es ist in der Struktur meiner Persönlichkeit begründet und keine äußerliche Konstruktion. Unter diesen Umständen würde die Übernahme einer solchen Vertretung wie der in Düsseldorf für mich eine seelische Belastung bedeuten, welche es mir erschweren würde meine Tätigkeit als Lehrer mit jener Freude und Hingabe aufzunehmen, ohne die ich nicht recht lehren kann.(…) Ich will lieber darauf verzichten, eine Stellung zu erlangen, die meinen Neigungen und Fähigkeiten entspricht, als dass ich gegen meine Überzeugung entscheide; oder dass ich durch Stillschweigen an unrichtiger Stelle dem Zustandekommen einer Meinung über mich Vorschub leiste, die mit den Tatsachen nicht übereinstimmt.“

Der Preußische Minister für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung reagierte auf diesen Brief prompt mit einem Universitätsverbot, das die Benutzung öffentlicher Bibliotheken einschloss. Otto Krayer blieb nichts anderes übrig, als das Land zu verlassen. Er wurde Rockefeller Fellow am University College London und bald darauf Professor zunächst an der American University in Beirut, dann in Harvard. Als er 1938 einen Ruf nach Peking erhielt, schoben die Studenten unter Krayers Tür in Vanderbilt Hall eine Petition, in der sie ihn baten, in Harvard zu bleiben. Tags darauf hielt er seine Vorlesung wie immer. Am Ende ging er auf die Tür des Hörsaals zu, drehte sich dort um und sagte: „Ich habe Ihre Petition erhalten. Vielen Dank.“ Er blieb in Harvard. 1982 starb Krayer in Tucson, Arizona.

Allein im Fach Pharmakologie wurden 1933 vier jüdische Professoren entlassen, zwei weitere nach dem Anschluss Österreichs und einer nach der Besetzung der Tschechoslowakei in Prag. Insgesamt wurden 614 Hochschullehrer aus rassischen oder politischen Gründen ihres Amts enthoben. Ein einziger Mensch, Otto Krayer, war nicht bereit, den Platz einzunehmen, den diese unfreiwillig geräumt hatten. 1 Aufrechter gegenüber 613 Profiteuren des Unrechts. 613, die niemals „bezahlen“ mussten für das Leid, von dem sie profitierten. Ein Großteil von ihnen bekam einen Lehrstuhl ja überhaupt nur durch die Ausschaltung der qualifizierteren, in der Lehre tüchtigeren, in der wissenschaftlichen Publikation produktiveren jüdischen Konkurrenz. Es ist zu bezweifeln, dass sie, wie Krayer, in Harvard reüssiert hätten. Bis heute halten mediokre Karrieristen scheinheilige Vorträge über das Exil der Verstorbenen und verlängern gleichzeitig mit Fleiß das fortdauernde Exil lebender Juden. Bis heute profitieren zu eigenen Einfällen unfähige Enzyklopädisten von Projekten zur historischen Erforschung des jüdischen Beitrags zur Wissenschaft und zu den Künsten, aus denen lebende Juden ausgeschlossen bleiben. So fleddern sie noch die Leichen, die ihre Väter auf dem Gewissen haben.

Otto Krayers Biographie ist kein Filmstoff. In ihm können sich nicht all jene spiegeln, die gerne an den „anständigen Nazi“ glauben wollen, für den Schindler ein so prächtiges Modell abgab. Otto Krayers Beispiel ist weitaus brenzliger. Denn heute muss man, jedenfalls in Deutschland, niemanden davor schützen, dass er in ein KZ abgeschoben wird. Die „Empfindung von Unrecht“ aber, die „ein ethisches Phänomen“ ist, wäre immer noch ein Desiderat. Dass jemand lieber gegen seine Überzeugung entscheidet, als auf eine Stellung zu verzichten, dass er Vorteile in Anspruch nimmt, die sich der Benachteiligung anderer verdanken: das ist nach wie vor eher die Regel als die Ausnahme und erlaubt Zweifel am grundsätzlich Guten im Menschen. Der typische Universitätsprofessor macht sich nach wie vor jeder Politik dienstbar, wenn er nur die Privilegien seines Standes genießen darf. Eine Stellung, die den Neigungen und den vermeintlichen Fähigkeiten entspricht, hat höhere Priorität als irgendwelche Überzeugungen. Wer Otto Krayer die Ehre bezeugt, die er verdiente, müsste sich, wollte er sich nicht der Heuchelei verdächtig machen, auch an dessen moralische Standards messen lassen. Er müsste etwas haben von dessen Persönlichkeitsstruktur. Aber ach, wir verlieren uns im Konjunktiv…

In Arthur Schnitzlers Stück Der einsame Weg verzichtet der Arzt Doktor Reumann auf einen Ruf nach Graz, weil es ihm peinlich wäre, "irgend einen Vorteil dem Malheur eines andern zu verdanken". Das ist Literatur. Konjunktiv. Otto Krayer war Realität, die Ausnahme zwischen all jenen, die in Düsseldorf wie in Graz wie überall zwischen Kiel und Wien die Plätze der verjagten Juden einnahmen. Und weil das so ist, weil Otto Krayers ethische Empfindung für Unrecht die Ausnahme bleibt, ist es sinn- und hoffnungslos auf eine Veränderung der Menschen zu bauen. Nicht, dass Menschen andere übervorteilen, verdrängen, schädigen, umbringen ist das Erstaunliche, sondern dass sie es nicht tun. Dafür bedarf es einer ungeheuren Zivilisationsanstrengung. Wenn ihnen der Gesetzgeber und die Gesellschaft nur die geringste Gelegenheit für einen Vorwand anbieten, diese Anstrengung zu unterlassen, so machen sie davon Gebrauch.

Die Deutschen und die Österreicher haben – darin irrte Goldhagen fundamental – ihre jüdischen Nachbarn nicht bestohlen, deren Abtransport nicht widerspruchslos bis befriedigt zugesehen, weil sie etwa antisemitischer waren als andere Völker, weil sie etwa schlechtere Menschen sind, sondern weil die Gesetzgebung und die gesellschaftlichen Normen die Arisierung und die Vertreibung von Juden aus dem öffentlichen Leben zuließen und sogar forderten. Deshalb muss Widerstand geleistet werden gegen jegliche Gesetze, gegen jegliche Normen, die – wie zum Beispiel das nationalsozialistische „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ – die Diskriminierung und Verfolgung einzelner Menschen und Gruppen erlauben, gar ermutigen oder vorschreiben. Deshalb sind die Gesetzgeber und ihre Büttel in die Verantwortung zu nehmen, nicht, jedenfalls nicht in erster Linie, die einzelnen schwachen Staatsbürger, die halt so sind, wie sie sind, und so handeln, wie sie handeln – wunderlicherweise sogar entgegen ihren – manchmal auch öffentlich geäußerten – Einsichten und Überzeugungen, wenn das Gesetz es ihnen gestattet und sie davon Vorteile haben, und die sich somit zugleich auf Gedeih und Verderb, bis zur Erpressbarkeit ihren Komplizen ausliefern.

Thomas Rothschild

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Lothar Jaenicke aus Köln hat ein bemerkenswertes Erinnerungsbild zu Otto Krayer geschaffen. Dieses können Sie hier als PDF-Datei herunterladen:

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Diese Seite wurde am 21.09.2006 8:15 PM aktualisiert.